Witt – Thron

Quelle: Laut.de

Sieh, der König, er lacht!

Review von

Wenn die alte Binsenweisheit tatsächlich stimmen sollte, wonach großes Unglück stets große Kunst befördere, so darf man Joachim Witt bedenkenlos als Kronzeugen angeben. Erst vor wenigen Monaten brannte sein Haus samt Tonstudio bis auf die Grundmauern nieder. Nun taucht der goldene Bayreuther mit neuem Album auf. „Thron“ ist ein von Schwärze durchdrungenes Spätwerk, dabei die mit Abstand souveränste Witt-Veröffentlichung seit langer, langer Zeit. Gevatter, ah, ah!

Der Hamburger, der sich von „Silberblick“ über „Edelweiß“ bis hin zu „Bayreuth“ stets neu erfand, schwächelte zuletzt mit erschreckend beliebigem Output wie „Dom“ oder „Ich„. Die neue Platte erweist sich dagegen als erfreulichere Mischung. Sicher, wer unter einer Allergie gegen Pathos leidet, wird auch Witts Spiel der Throne schreiend entfliehen. Hand und Fuß hat das Konzept gleichwohl.

Thron“ greift allen intellektuellen, materiellen und empathischen Bankrott unserer Gegenwart auf und setzt dem Schlamassel ebenso leidenschaftliche wie altersweise Zeilen entgegen. „Die Menschen atmen schwer und stehen verloren im Fahnenmeer / Viele ziehen vorbei, üben den Vergeltungsschrei / Wut und Verzweiflung kann ich sehen … kann ich sehen.

Inmitten einer Welt, deren moralischer Kompass derzeit nur noch auf die Apokalypse zeigt, wirkt Witts ästhetische Inszenierung weit weniger pathetisch als ehedem. Es scheint als könne man inmitten einer alles überholenden Realität gar nicht dick genug auftragen. Aus genau diesem Grund erstrahlen viele der „Thron„-Songs. Sie wirken nicht länger übertrieben, sondern inbrünstig. „Rain From The Past“ ist eine dieser eindringlichen Nummern, die ihr bekümmertes Fazit in einen frischen Popmantel steckt.

Besonders die vielfältigen und stilistisch vielseitigen Gitarrensounds verkörpern einen großen Pluspunkt. Hier etwas Rock, dort ein Hauch Stakkato-Wumms, sogar eine Prise Funk. Das ist sehr variabel gedacht und arrangiert. Geschickt verbindet Witt die Verrohung einer nationalistischen Außenwelt mit dem langsamen Verrinnen des eigenen Lebens. Dies alles hat jedoch nichts Resignatives an sich. Besonders deutlich und sehr sympathisch packt Onkel Joachim das Schicksal im Killertrack „So Oder So“ am SchlaWittchen. „So oder so ziehen wilde Schwäne durch das Land; so oder so stehen alte Sprüche an der Wand.

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