Eisbrecher – Was ist hier los

 

Quelle: http://monkeypress.de/2017/08/reviews/cd-reviews/eisbrecher-sturmfahrt/

Sommer 2017 und es wird kalt. Nein, ihr habt euch nicht verlesen. Eisbrecher bringen ihr nunmehr siebtes Album auf den Markt und dürften mit diesem ihren Status als deutschsprachiger „Stakkato-Metal trifft Elektronik trifft Goth-Rock-Nummer zwei-Act“ hinter Rammstein mühelos festigen. Sturmfahrt liefert auf 14 Songs genau das, was Eisbrecher-Fans hören wollen, große Experimente bleiben nahezu Fehlanzeige. Die bereits live-erprobte Single Was ist hier los? funktioniert als Opener hervorragend. In der Folge bedient sich die musikalische Kommandozentrale um Noel Pix und Alex Wesselsky nicht selten bei anderen Künstlern, manchmal bewusst und auffällig, manchmal weniger. So wird wohl kaum ein Anhänger bemerken, dass das Zusammenspiel von Gitarren und Drums auf dem an Position zwei stehenden Besser frappierend an den Royal Blood-Song Out Of The Black erinnert. Ebenso weckt die Basslinie in den Strophen von Das Gesetz Erinnerungen an die Hook des ewigen Sisters Of Mercy-Klassikers Temple Of Love

 

Wo diese zwei melodisch-rhythmischen Ähnlichkeiten aber durchaus auch Hirngespinste des Autors sein können, wird es nach dem ordentlich voranpreschenden Titelsong ganz eindeutig. Bei der äußerst gelungenen, balladesken Hymne In einem Boot verdient sich Komponistenlegende Klaus Doldinger seinen Credit im Album-Booklet. Toll, wie Eisbrecher die überall bekannte Melodie von Das Boot in ihren Song einflechten. Ein Lied für große Gefühle, auf Live-Konzerten wie auch vor dem heimischen CD-Player, ein würdiger Nachfolger für Schlachtbank vom letzten Album Schock. Ein wenig später folgt der Moment, den vielleicht schon viele, deren musikalischer Horizont es auch mal zulässt, einen Blick in die frühen 80er zu werfen, jahrelang sehnsüchtig erwartet haben. Endlich covert die Band mit dem „Eis“ im Namen und einem Eisbär als Maskottchen den ewigen gleichnamigen Hit von Grauzone. Drückender Electro-Beat, dezentes, gut in den Sound integriertes Riffing und die charakteristischen Bleeps im Refrain – das Ding könnte Eisbrechers nächster großer Party-Hit werden. Da gab es in der Vergangenheit schon deutlich schlechtere Cover von bekannten Goth/Wave-Klassikern…

Zwischen Schlager-Goth und knallharten Clubhits

Danach fällt das Album leider ein wenig ab. Der Wahnsinn, Herz auf und Krieger sind typische Füller nach Schema X und gehören in die Kategorie „Spielen wir vielleicht einmal auf der kommenden Tour und danach nie wieder“. Widmen wir uns also schnell dem letzten, recht abwechslungsreich ausgefallenen Drittel. Dieses beginnt mit einem Lied, welches denjenigen, die Eisbrecher vor allem für ihre harten Stücke feiern, äußerst sauer aufstoßen wird. Wo geht der Teufel hin? ist nämlich eine lupenreine Schlager-Goth-Nummer im „Späte Unheilig-Stil“. Ganz böse Zungen mögen sogar behaupten, dass Wesselskys Gesangsstil hier an einen gewissen deutschen Fernsehcomedian erinnert, der in diesem Jahr mit Menschen Leben Tanzen Welt einen großen viralen Hit produzierte. Absolute Geschmackssache – wie auch das folgende Wir sind Rock n’Roll, welches seltsamerweise so gar nicht nach Rock n’Roll klingt, sondern von Pix einen dicken Electro-Unterbau verpasst bekam. An vorletzter Stelle drücken Eisbrecher dann noch einmal das Gaspedal durch. D-Zug knallt, und zwar mächtig und „immer geradeaus“, wie es Wesselsky passend dazu im Refrain formuliert. Ein weiterer Song, den DJs für ihre nächste Rammstein/NDH-Party unbedingt in ihren Koffer packen sollten. Dieser wäre zudem ein deutlich besserer Album-Abschluss gewesen als das vor sich hinplätschernde Das Leben wartet nicht.

Fazit: Sturmfahrt liefert gewohnte Eisbrecher-Texte und gewohnte Eisbrecher-Musik in gewohnt hoher Eisbrecher-Produktionsqualität. Nur wie schon wie manches Vorgänger-Album ist Langrille Nummer sieben drei, vier Songs zu lang ausgefallen, um in allerhöchste Wertungssphären vorzudringen.